Eine etwas andere Geschichtsstunde

Zeitzeugengespräch mit Esra Jurmann

Esra Jurmann, als 9-jähriger ins Konzentrationslager deportiert, erzählt über das Leben, wie es in Büchern und Filmen nicht dargestellt wird.

Im Herder Gymnasium Pirna-Copitz läutet die Schulglocke. Für Esra Jurmann und seinen Freund Hugo Jensch ist das das Startsignal. Und schon während Jensch erste einführende Worte an die Schüler der 11. Klasse richtet, wird es ganz still im Zimmer. Draußen auf dem Gang, unten im Pausenhof, überall rennen Schüler herum, machen Lärm, bleiben an der Tür zum Klassenzimmer stehen und schneiden Grimassen. Es wirkt wie eine andere Welt, wovon Esra Jurmann und sein Freund erzählen - es war auch eine andere Welt.
1939 ist der damals 9-jährige Esra, Sohn jüdischer Geschäftsleute aus Pirna mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder Manfred in das Ghetto nach Riga gebracht worden. Doch das war für den Jungen nur die erste von fünf Stationen. Trotzdem möchte Jurmann, der heute in England lebt, weder predigen noch belehren. „Ich kann nur Auskunft geben“, und das tut er. Immer wieder zeigt er seinen ihm eigenen, oft sehr makaberen Humor. „Nachdem ich noch rauche, ist es durchaus möglich, dass ich einen Hustenanfall bekomme. Ich bitte Sie, sich nicht zu beunruhigen, der geht vorbei.“

Statt aus seinem Buch zu lesen, fordert er die Schüler auf, ihm Fragen zu stellen. Zunächst schüchtern melden sich Einige, gelesen haben das Buch alle. Schon zu Beginn nimmt Jurmann den Jungen und Mädchen die Scheu - sie könnten alles fragen, er werde keine Frage krumm nehmen. Immer wieder holt
Jurmann aus, erklärt Umstände, erzählt Anekdoten und bringt die Klasse zum Lachen, auch wenn das Thema eigentlich nichts Lustiges an sich hat. Der 79-jährige hat ganz offensichtlich eine Art gefunden, mit dem Erlebten umzugehen. Zwischendurch entspinnen sich kleine Dialoge zwischen ihm und seinem Freund, dem Pirnaer Historiker Hugo Jensch. Sie denken gemeinsam zurück, korrigieren sich gegenseitig und ab und zu merkt man, wie sie ein wenig abschweifen und sich in Details verlieren, mit denen die Schüler
nichts anfangen können. Doch all diese Eindrücke zeichnen ein Bild von dem, wie es wohl war.

Kein Geschichtsbuch, kein historischer Film hätte so plastische und berührende Bilder zeichnen können, wie die Erzählungen von Esra Jurmann und Hugo Jensch es getan haben. Und als die Schüler schließlich angeregt diskutierend den Klassenraum verlassen, hat sich ihr Blickwinkel auf den Holocaust und das Dritte Reich ganz bestimmt geändert. Am Tag darauf war Herr Jurmann am BSZ für Technik in Pirna zu Gast.


Das Buch "Vor allen Dingen war ich ein Kind - Erinnerungen eines jüdischen Jungen aus Pirna" können sie hier erwerben: http://www.goldenbogenverlag.de/buch/280.php

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