„Meine Sprache wohnt woanders“
Lesung mit jüdischem Autor am 29. Januar 2007, 19:30 Uhr, Stadtbibliothek Pirna
Die Stadt Pirna lädt gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Dresden, am Montag, 29. Januar 2007, zu einer Lesung mit Chaim Noll ein. Sie beginnt um 19:30 Uhr im Gotischen Saal der Stadtbibliothek, Dohnaische Straße 76.
Chaim Noll liest dabei aus seinem aktuellen Buch „Meine Sprache wohnt woanders – Gedanken zu Deutschland und Israel“, welches er gemeinsam mit der Schriftstellerin Lea Fleischmann verfasste. Das Werk ist 2006 im Scherz Verlag Frankfurt/Main erschienen.
Chaim Noll wurde 1954 als Sohn des Autors Dieter Noll in Ostberlin geboren. Er studierte zunächst Mathematik, dann Kunst und Kunstgeschichte in Berlin. 1983 reiste er nach Westberlin aus, hier erschienen seine ersten Bücher. 1991 verließ er Deutschland endgültig. Er lebte in Rom, bis sein Weg ihn 1995 schließlich nach Israel führte.
Nolls Kindheit war von nicht gesprochenen Worten geprägt. Die Eltern waren Kommunisten, und doch anders als die Nachbarn: Weder über den Krieg noch über Hitler wurde im Beisein von Fremden gesprochen. „Es gab also Dinge, über die man nicht sprach, Worte, die man nicht benutzte“, erinnert sich Chaim Noll. Fast nebenbei erfuhr er, dass die Großmutter den Judenstern tragen musste. So begann er schließlich, seine jüdische Identität zu suchen. Diese Suche sollte sich als der stärkste Impuls seines Lebens erweisen. Wer ist Jude, was ist Judentum, wo kann man es finden? Er begann, die antiken Wurzeln von Juden- und Christentum zu studieren, fing an, die Synagoge zu besuchen. In Israel lebte er in der Wüste Negev und fand zum religiösen Judentum.
Auch in Lea Fleischmanns Umgebung wurde, als sie noch Kind war, über vieles nicht gesprochen. Ihre Eltern, Holocaust-Überlebende, erwähnten weder Angehörige noch Kriegserlebnisse. Nur bruchstückhaft wurden Bemerkungen in den kindlichen Alltag eingestreut: „Iss die Kartoffel auf. Wegen ein paar geklauter Kartoffelschalen haben SS-Schergen Menschen im Lager umgebracht.“ Das elterliche Deutschlandbild war von Konzentrationslagern und Brutalität geprägt. Im Nachkriegsdeutschland zunächst in einem Lager für Displaced Persons untergebracht, wurde die Familie später nach Frankfurt am Main umgesiedelt. In der Schule und auf der Universität lernte Lea ein ganz anderes Deutschland kennen: Sie erlebte die Zeit der Studentenbewegung und wurde aktiv in der Frauenbewegung. Nach ihrem Studium trat sie in den hessischen Schuldienst ein. Ihre Erfahrungen mit dem Beamtenapparat bewegten sie jedoch, Deutschland zu verlassen. Sie wanderte 1979 nach Israel aus und lebt seitdem in Jerusalem. Dort merkte sie: „Meine deutsche Staatsbürgerschaft konnte ich zurückgeben, die deutsche Sprache nicht.“ Sie lernte hebräisch, entdeckte den Tenach, die hebräische Bibel, und fand einen religiösen Weg. Sie erfuhr, wie der Schabbat von den Menschen in Jerusalem gefeiert wird und hält dies in ihren Büchern fest. Regelmäßig unternimmt sie Lesereisen nach Deutschland und beobachtet dabei Land und Leute. Sie spaziert durch Frankfurt am Main und Kassel, durch Ulm und Trier und hält die Gedanken fest, die ihr in Deutschland kommen.
Beide Autoren haben ihren spirituellen Weg gefunden und mussten dennoch die Erfahrung machen: „Meine Sprache wohnt woanders“. In ihrem gleichnamigen Werk thematisieren sie diese Erkenntnis. Das gemeinsame Buch der aus zwei deutschen Staaten Stammenden ist ein einzigartiges Zeitdokument. Noll und Fleischmann setzen sich darin mit ihrer Vergangenheit in Deutschland auseinander und zeigen ihre neue Heimat aus einer religiösen Perspektive. Sie beschreiben den israelischen Alltag, berichten als unmittelbar Betroffene von den Terroranschlägen und stellen ihre Sicht zum Nahost-Konflikt dar.
Im Rahmen einer Lesereise stellt Chaim Noll nun dieses außergewöhnliche Werk vor. Außerdem wird er in der Veranstaltung von seinem interessanten Lebensweg berichten und sich danach den Fragen des Publikums stellen.
Wir würden uns freuen, Sie zu dieser Veranstaltung begrüßen zu dürfen!
Autor: Reka Szentivanyi, Freiwilliges Soziales Jahr Politik, Fachdienst Öffentlichkeitsarbeit
Quelle: Stadt Pirna