Im Zeichen der Wahrheit – Gewalt findet sich überall
Schulen setzen sich mit Ignoranz, Intoleranz und Prügeleien im Alltag auseinander
Es ist Ende Juni. Die Agentur „Mensch – aber wie?“ tourt mit ihrem Programm „Berichte über Gewalt – Täter und Opfer erzählen“ drei Tage lang durch Schulen in der Sächsischen Schweiz.
Es sind Klassen aus Mittelschulen, Gymnasien und Berufsschulen, die sich trotz der Hitze in diesen Tagen in Aulen und Sporthallen einfinden, um fünf Personen zu lauschen, die ihre Erlebnisse in Bezug auf Gewalt freiwillig oder aufgrund von Bewährungsauflagen erzählen:
Vier Personen betreten den Raum. Sie setzen sich frontal zu den Zuschauern. Am Anfang der Stuhlreihe fällt einer ganz besonders auf: Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel, weiße Schnürsenkel und ein strenger Blick. Er heißt Lützeck. Er bekennt sich zum deutschen Volk. Er ist rechtsextrem.
Schon längst sind alle Zuhörer still.
Der Moderator erklärt gerade das Programm, da betritt eine weitere Person den Raum: ein türkisch aussehender, junger Mann – eine brisante Mischung ...
Am Anfang stellen sich die Fünf vor.
Halil, der Türke, berichtet mit vielen Gesten über sein Erlebnis. Ein guter Freund von ihm, auch türkisch-stämmig, sitzt im Rollstuhl. Warum? Er wurde von rechten Schlägern in einer Dorfkneipe brutal zusammengeschlagen. Sein Freund wurde schikaniert und misshandelt. Und alle sahen zu. Keiner hat sich für ihn eingesetzt. Deshalb sieht der Erzähler nicht mehr zu. Er sagt: „Ich antworte mit gleichen Mitteln. Egal, ob Über- oder Unterzahl.“ Sonst hätte er nichts mit Gewalt zu tun. Aber er will einfach nicht mehr wegsehen. Er will etwas tun.
Ein älterer Herr in Jackett und Hemd fährt fort. Er heißt Baumann. Er ist Lehrer. Oder besser: Er war Lehrer. Er hat, so sagt er selbst, einen großen Fehler begangen. Er ist ausgerastet. Er hat die Kontrolle verloren. Über Jahre schon hat sich diese Aggression angestaut, weil er unter Druck stand, weil er seine eigenen Erwartungen, nämlich ein besserer Lehrer zu sein, nicht erfüllte, weil er nicht an seine Schüler heran kam, weil ihn die Schüler nicht so achteten wie er es sich wünschte, weil dieser Zeitraum schon so lange andauerte. Deswegen schlug er zu. Er schlug einen seiner Schüler. Und danach: die Versetzung und die bittere Wahrheit: Er ist nicht viel besser als seine früheren Lehrer. Nun sitzt er hier, den Lehrerberuf an den Nagel gehängt, um Schülern wie Lehrern klar zu machen: Ihr seid auch nur Menschen mit Fehlern wie du und ich. Er möchte sich damit nicht rausreden. Er bereut seine Tat. Aber er möchte etwas verändern – auch das Bewusstsein in den Schulen.
Lützeck steht auf. Er steht in strammer Haltung, die Arme hinter dem Rücken, vor dem Publikum und spricht mit erhobener Stimme. Er habe einen Laden ganz alleine platt gemacht. Er ist hineinmarschiert mit dem Gedanken:
„Du gehörst nicht hierher.“ Er schlug den Ladenbesitzer, einen Asiaten, brutal zusammen. Auch die Verkäuferin ließ er nicht aus. Er hasst diesen Laden, denn dort arbeitete einmal seine Mutter – bis sie vom neuen Ladenbesitzer, dem Asiaten, entlassen wurde. Mit Mitte Fünfzig, so Lützeck, fände seine Mutter keinen neuen Job mehr. Und warum? Weil dieser Asiate in einem ehrenwerten deutschen Viertel den Laden übernommen hat. Überhaupt: „All diese Ausländer nehmen doch den Deutschen die Arbeit weg.“ Kein Wunder, dass nur Deutsche unter den Brücken dieses Landes wohnen, so Lützeck. Er zeigt auf den Erstredner, den Türken. Dieser springt wutentbrannt auf und fordert vom Moderator Anstand ein. Man sei hier ja schließlich in einer Schule. Auf der Straße wäre es wahrscheinlich anders ausgegangen, denn Lützeck bekennt sich auch zur Gewalt als einziges Mittel, um wieder Zucht und Ordnung herzustellen.
Nun spricht das Mädchen Nicole, die schon die ganze Zeit Kaugummi kauend und desinteressiert da saß. Ein Mädchen wäre ihretwegen und wegen ihrer zwei Freundinnen aus dem Fenster gesprungen. Bis heute kann sie nicht verstehen warum. Sie wäre nur ehrlich zu ihr gewesen. Ihr stehe es eben zu, dem Mädchen ins Gesicht zu sagen: „Du bist fett, hässlich, unansehnlich und stinkst.“ Was kann sie schon dafür, dass das Mädchen damit nicht klar kam. Es wäre nun mal die Wahrheit gewesen. „Mobbing", ruft die junge Frau, die bisher noch nichts gesagt hat. „Du hast das Mädchen gemobbt und beleidigt. Deswegen ist sie nun tot. Empfindest du denn gar nichts?“ „Genau, Mann, sie ist tot. Du solltest vor dem toten Mädchen Respekt haben", meint der Türke. Auch der Lehrer schaltet sich ein. Doch das Mädchen kann deren Aufregung nicht verstehen. Sie war doch nur ehrlich. Die Konsequenzen sind ihr egal.
Als Letztes kommt die junge Frau mit dem großen Pflaster auf der Wange zu Wort. Sie heißt Katrin und ist sehr verängstigt und unsicher. Dennoch möchte sie hier teilnehmen. Sie war bei ihrer Freundin zum Abendessen eingeladen. Während beide in der Küche standen, sahen sie vom Fenster aus, wie zwei Männer auf offener Straße versuchten, eine Frau zu vergewaltigen. Die Erzählende rannte die Treppen hinunter auf die Straße. Sie versuchte einen mit einer Flasche zu treffen. Dies misslang. Die beiden Frauen wurden zusammengeschlagen.
Dann flohen die Täter. Erst später kamen der Rettungswagen und die Polizei. Während sie dies erzählt, rollen ihr Tränen über das Gesicht. Sie möchte den Anwesenden etwas mitgeben: „Mischt euch nicht ein. Ihr würdet nichts bewirken und euch nur selbst in Gefahr bringen.“
Es herrscht Stille.
Nun kündigt der Moderator etwas Unerwartetes an: Alle Schüler haben die Möglichkeit, mit den Personen ihrer Wahl ins Gespräch zu kommen.
Lützeck findet den größten Zuspruch. Zwischendrin wird es sogar richtig laut, wenn er und die vielen Schüler über seine Einstellung diskutieren. Es wird versucht, ihn von seiner fehlgeleiteten Meinung abzubringen. Seine Bereitschaft zur Gewalt können sie nicht nachvollziehen. Doch er lässt sich nicht von seinem tiefen Hass abbringen. Er bleibt bei seiner Meinung.
Halil unterhält sich angeregt mit einigen Schülern. Alle mögen ihn. Mit seiner offenen, witzigen und unverkrampften Art kommt er gut an. Schüler erzählen ihm, dass auch sie oder ihre Freunde von Rechten angegriffen wurden. Sie können seine Einstellung nachvollziehen. In der Gruppeneinschätzung später wird sein Rechtsempfinden als gut bewertet, obwohl er offen sagt: „Ja, ich wende Gewalt an.“
Auch Lehrer Baumann findet vier bis fünf Gesprächspartner. Er ist sichtlich erfreut darüber, dass er mit seiner Geschichte wenigstens ein paar Leute erreicht hat und diese mit ihm sprechen wollen. Bei der Auswertung wird er als sympathisch und verständig eingeschätzt. Den Mut zu seiner Tat zu stehen, mögen viele an ihm. Man hat den Eindruck, dass auch die Schüler Verständnis für das Gemüt des Lehrers erhielten.
Total abgegrenzt hat sich Nicole. Ihre vor Trotz und Langeweile strotzende Haltung signalisiert keine große Gesprächbereitschaft. Ein paar Wenige versuchen es trotzdem. Was sie ernten bei dem Versuch zu erklären, dass ihr Verhalten falsch ist, ist anfängliches „Genervtsein“ mit anschließendem Beleidigen und „Rumpöbeln“. Ihr Verhaltensmuster bleibt immer das Gleiche: Bevor es zur Diskussion kommt, zieht sie sich mit noch mehr Beleidigungen und Trotz aus der Affäre. Der überwiegende Teil findet Nicole unsympathisch. Verwundert hat folgende Situation: Ein Schüler findet sie richtig nett, weil sie total ehrlich ist. Was der Schüler bei seiner Aussage vergisst: Nicoles Ehrlichkeit hat das Mädchen tief im Innern verletzt und schlussendlich zum Selbstmord getrieben. Ja, Ehrlichkeit ist wichtig. Respekt vor anderen, Höflichkeit und Toleranz sind aber genauso wichtige Bestandteile für den Umgang der Menschen miteinander.
Um Katrin hat sich eine kleine Traube gebildet. Sie sitzt still da und antwortet geduldig auf die Fragen. Sie sieht traurig aus. Viele sagen: „Du hast das Richtige getan. Es war richtig einzugreifen und sich einzumischen.“ Einige erzählen ihr ihre Erlebnisse in Bezug auf häusliche Gewalt. Es ist bewegend diese Gespräche mit anzuhören. Dennoch, Katrin steht zu ihrer Meinung: „Mischt euch nicht ein.“ In der Gruppeneinschätzung wird ihr mutiger Einsatz sehr gelobt. Auch wenn ihre Schlussfolgerung aus dem Erlebnis als nicht richtig bewertet wird.
Doch dann passiert etwas völlig Unerwartetes:
Lützecks Haltung ändert sich auf einmal. Er sitzt nicht mehr so streng auf seinem Stuhl. Seine Gesichtszüge sind freundlich und entspannt. Auch Katrin scheint nicht mehr so verängstigt und traurig zu sein. Während sie das Pflaster auf ihrer Wange entfernt, steht Nicole auf einmal auf: „An dieser Stelle wollen wir die ganze Sache auflösen. Wir sind Schauspieler!“
Ein Raunen geht durch die Menge. „Das hätte ich nicht gedacht. Das wirkte alles so echt“, tuscheln sich einige zu. Andere sagen: „Ha, ich hab es doch gewusst. Das konnte nicht wahr sein.“
Nicole erzählt: „Die fünf Geschichten, die wir hier verkörpern, sind alle echt und wahr. Aus Gerichtsurteilen, Zeitungen und eigenen Erlebnissen wurde ein Theaterstück entwickelt, um euch auf emotionaler Ebene nahe zu bringen, welche Auswirkungen die verschiedensten Arten von Gewalt haben. All eure Erkenntnisse und Gefühle sind echt. Die aufgekochten Emotionen wie bei dem Gespräch mit Lützeck sind berechtigt.“
Wieder herrscht Stille. Danach werden den Schauspielern Fragen gestellt. Später verlassen alle die Spielstätte und gehen ihre Wege. Und doch bleibt die Frage: Hat nicht jeder mehr mit Gewalt zu tun als man denkt!?!
„Nicole“ zum Beispiel wurde selbst in der Schule gemobbt. „Katrin“ hat als kleines Kind ihrem Vater zugesehen, wie er ihre Schwester schlug. Mir wurde über die Straße zugerufen, ich sei hässlich, nur weil ich den beiden jungen Herren, nicht nett zulächelte.
Gewalt hat eben viele Gesichter.
Autor: Maximiliane Theml